Rede zur Ausstellungseröffnung am 7.4.2017, 19 Uhr in Berg, Rathaus, von Johannes Habdank

Vom Sinn der Habdank-Kunst – allgemein und heute:
„Blumen und Tiere, Fröhliches“

Walter Habdanks Bilder, wie sie vielen Menschen seit einigen Jahrzehnten zu urmenschlichen Themen vor allem aus seinen über 250 Holzschnitten zur Bibel, aus vielen Religionsbüchern, aus Gemeindebriefen, von Kirchentagen, aus Presse und Fernsehen und aus der Habdank-Bibel bekannt sind:
diese Bilder sind nicht als Dekoration, Deko-Elemente oder Design zu verstehen, nein, das war dem Künstler immer zu wenig. Ja, Kunstwerke als Dekoration waren für den Künstler sinnfreie „Löcher in der Wand“. Er verstand seine eigenen Bilder, selbst die vermeintlich dekorativen Blumen- und Tiermotive, wie wir sie hier zeigen - sie sind vielen weniger bekannt - als eine Aufforderung an den Bildbe-trachter zur Auseinandersetzung, zum persönlichen Dialog mit dem Dargestellten und zur inneren Aneignung, insbesondere seine Holzschnitte haben diesen Sinn.
Der Künstler bedient sich dabei expressionistischer Darstellungsmittel, das heißt: er übertreibt bewusst in Form und Farbe. Was wesentlich ist, etwa Augen, Ohren, Gesichter und Hände, auch handartige Tierpfoten, wird groß gemalt, was unwe-sentlich ist, klein. Ob bei Mensch oder Tier oder auch bei Landschaften, da ist das so. Naturgetreue Abbildung ist nicht gefragt, nicht beabsichtigt, daran die Bilder zu messen, wäre nicht im Sinne des Künstlers und würde weder der Realität noch der Darstellung gerecht.
In strenger Komposition werden die wesentlichen Bildelemente durchdacht zueinander in Beziehung gesetzt und wird ein Neues geschaffen. Formal und inhaltlich komprimierte Bilder, archetypische Gestalten und Szenen sollen den Bildbetrachter herausfordern zu einer eigenen Stellungnahme zum Leben, zu sich selbst und seiner Welt. Der Bildbetrachter soll sich die Bilder mit seinen Augen erwandern, in den figürlichen Gestalten, ob Mensch oder Tier, Blume oder Baum, den Formen und den Farben sich selbst wieder finden, das Bild für sich persönlich ergänzen und es sich zu eigen machen. Und indem dies geschieht, kann das Bild sich im Bildbetrachter neu entfalten. Auch die Tiere, Blumen, Bäume und Landschaften möchten sich als Seelenbilder im Bildbetrachter einprägen.

Das gilt auch für die freundlichen bis heiteren, ja manchmal auch skurril wirken-den Motive, die für die Ausstellung hier im Berger Rathaus ausgewählt wurden: Motive der Schöpfung, die ganz im Sinne von Luthers Kleinem Katechismus uns nahebringen wollen: „Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt aller Kreatur.“ Das gilt für die Blumen-Holzschnitte und besonders auch für die Tier-darstellungen.

Natürlich ging es Walter Habdank darum, diese Tiere als Geschöpfe darzustellen, meistens freundliche bis witzige Erscheinungen, vielfach auch Fabeltiere, frei erfunden. Da geht es nicht darum, das Tier wie für einen biologischen Unterricht abzumalen und möglichst genau darzustellen. Nein: die Tier-Bilder sind Charak-terdarstellungen, und wenn man genau hinsieht, tragen die Tiere verräterischer Weise oft menschliche Züge, haben menschliche Augen, auch die teilweise bizar-ren Viecher und Fabeltiere, das ganze Geziefer in Holzschnitt-Miniaturen: sie zeigen in Wirklichkeit uns Menschen selbst, wie wir sind oder sein können. Wie etwa schon bei Honoré Daumier, Paul Gustave Doré oder in A. Paul Webers Tierdarstellungen, Malern der französischen und deutschen Tradition aus dem 19. und 20. Jahrhundert, die auch Karikaturisten waren und die mein Vater auch studiert und sehr geschätzt hat.
Die Tiere zeigen oft einen verschmitzten, hinterkünftigen Humor, der ihnen vom Künstler selbst zugewachsen ist und der sie so liebenswürdig macht.

Selbst das Nashorn, dieses Riesentier mit seinem Zugleich von Schwerfälligkeit und Flinkheit, von Sensibilität und Dickhäutigkeit, das ein Draufgänger sein kann und zugleich sehr kinderlieb – allerdings nur die Mütter; im Reich der Nashörner gibt es übrigens schon seit Jahrtausenden Mutter-Kind-Gruppen, denn die Männer sehen sich bereits wieder nach anderen Nashorn-Kühen um, im Interesse der Arterhaltung – selbst das Nashorn muss es sich gefallen lassen, dass es nützlicherweise von Madenhackern bearbeitet wird, die seine Dickhaut von den Parasiten befreien. So lebt jeder von jedem und lässt den anderen mit leben!

Damit komme ich schließlich zum Chamäleon, dem persönlichen Lieblingstier meines Vaters Walter Habdank, seinem Wappentier. Chamäleon? Wie kann man nur ein Chamäleon zu seinem Wappentier machen? Es steht doch für Anpassung, Wetterwendigkeit, Charakterlosigkeit, so die allgemeine Meinung. M.W. hat zuletzt Woody Allen vor über 30 Jahren genau dieses Klischee in seinem Film „Zelig“ bestätigt und für alle Cineasten zementiert. Ich habe den Film damals gesehen, meinem Vater davon berichtet, er sagte sinngemäß aus voller Überzeugung: „Es ist ein Verbrechen, wie die Menschen diesem Tier ihre eigenen Identitätsprobleme und ihre eigene Charakterlosigkeit unterjubeln.“ Denn: das Chamäleon sei ein sehr kluges Tier, es habe zwei Gehirnhälften, die es ihm ermöglichten, die Augen voneinander unabhängig zu bewegen. Ja, es könne mit einem Auge schlafen, mit dem anderen wachen. Es sei ein besonders überlebensfähiges Tier, das seine Farbe wechsele, nicht nur nach Situation, sondern auch nach Emotion. Das Chamäleon, wörtlich übersetzt der „Erdlöwe“, würde, wenn es verliebt sei, erröten, also rot werden – auch auf die Gefahr hin, im sandfarbenen oder auch grünen Umfeld gefressen zu werden.

Schließlich gibt der Künstler uns einen alten afrikanischen Mythos über das Chamäleon zu bedenken, und der geht so: In der Urzeit, am Anfang der Welt, wurde das Chamäleon von Gott beauftragt, den Menschen, die bereits geschaffen waren, das Gute zu bringen. Das Chamäleon machte sich auf den Weg, aber nur langsam, es war säumig. Als es endlich bei den Menschen ankam, um ihnen das Gute zu bringen, war das Böse schon da. Woher? Das erfahren wir nicht.

Von mir erfahren Sie jetzt auch nicht mehr. Sehen Sie sich die Bilder in Ruhe an, heute oder in den nächsten sieben Wochen.
Ich bedanke mich auch im Namen meiner Brüder Rabe und Wowo, die wir zusammen das Werk unseres Vaters in der Galerie Habdank in der Maxhöhe 34 weiter vertreten, bei der Gemeinde Berg für die Gelegenheit, auch einmal andere Bilder zu zeigen als die, die von unserem Vater kirchlich und weit darüber hinaus am meisten bekannt sind, insbesondere bei Frau Beck, die diese Ausstellung angeregt und für uns hier organisiert hat. Und wir wünschen dieser Ausstellung viele Besucher, große und kleine, vor allem Besucher, die mit diesen Bildern etwas anfangen können und denen sie gefallen, und wenn sie nur im Vorbeigehen die eine oder andere Blume oder das eine oder andere Tier bestaunen, zur Anregung, Genugtuung oder Erheiterung.

Hab Dank!

Johannes Habdank, Pfarrer, Dipl.-Volksw., Fischackerweg 8, 82335 Berg, Tel. 08151/50494