HOMEPAGE - Galerie Walter Habdank, Berg/Lkr Starnberg

Homepage
Informationen

 

 Ausstellung



 



Schalom Ben-Chorin schrieb über Walter Habdank

... mehr


Ecce homo
Joh. 18,28 und 19,16
Predigt von Pfarrer Johannes Habdank am Karfreitag 2011

 

„Seht, welch ein Mensch!“ Das ist die kürzeste Predigt, die ich im Neuen Testament kenne. Sie stammt ausgerechnet vom römischen Statthalter Pilatus, der weder ein Jude war noch ein Jünger Jesu. Er war maßgeblich an der Entwicklung beteiligt, die Jesus ans Kreuz geführt hat.

„Seht, welch ein Mensch!“ Drei Überlegungen dazu:
1. Was bedeutet das Wort des Pilatus wörtlich / ursprünglich in der Bibel?
„Seht, welch ein Mensch“ - so lautet die deutsche Übersetzung bei Martin Luther. Der eigentliche Sinn des Pilatus-Spruches lautet im griechischen Urtext etwas anders: „Siehe, der Mensch“ - also etwas weniger verwundert und bewundernd als „Seht, welch ein Mensch!“; aber auch sehr viel mehr als das, was etwa die ökumenische Einheitsübersetzung daraus macht: „Seht, da ist der Mensch!“, oder gar manche heutige Ausleger etwas banal daraus machen: „Schaut, da ist der Bursche!“ Nein, steht beides nicht da, sondern wörtlich: „Siehe, der Mensch!“, das heißt: da ist er, der Mensch. Das ist er, der Mensch!
In dem Menschen, der da steht, ist der Mensch überhaupt zu sehen. Eine an sich hoheitliche Erscheinung und doch brüchige Existenz? Leben, das lebendig geschunden ist. Würdige Person, entehrend und unwürdig behandelt. Ein Mensch, hilflos der Menge zur Schau gestellt, ihrem Gespött ausgesetzt, ihrer Häme, Rache, ihrem Urteil und der tödlichen Verurteilung schutzlos preisgegeben. Es passiert dauernd, unzählige Male bis heute auf der ganzen Welt.

2. Gedanke: „Siehe, der Mensch“ – das sagt viel über den, der das sagt: Pilatus. Pilatus selbst hat persönlich nicht wirklich etwas gegen Jesus. Er will ihn eigentlich nicht verurteilt sehen. Das sagt er ganz klar: er könne keine Schuld an Jesus finden. Dennoch lässt er ihn peinigen und öffentlich vorführen - zum zweiten Mal übrigens, er hat ihn vorher schon einmal vor der Menge auftreten lassen – nun als Gegeißelten: Die, die Jesus Böses wollen, weil er Gott gelästert hätte, und die Menge sollen Mitleid haben mit ihm. „Siehe, der Mensch!“
Die Geißelung war eine harte Folter, bei der die Haut- und wohl auch Fleischfetzen flogen. Jesus ist wahrscheinlich wegen dieser Schwächung nicht nur, wie die kirchliche Tradition realitätsnah dazu sagt, mehrfach unter dem Kreuz zusammengebrochen, ein anderer musste ihm sein Kreuz tragen helfen. Und Jesus ist wohl wegen dieser harten Folter-Vorbelastung in vergleichsweise zu anderen, die zum Teil wohl einige Tage und Nächte am Kreuz hingen, kurzer Zeit am Kreuz gestorben.
Die Geißelung war aber zugleich auch eine taktische Maßnahme des Pilatus, um Jesus womöglich doch noch vor dem Tod zu retten. Wie gesagt, Pilatus selbst hatte nichts gegen Jesus, er gibt Jesus eine zweite Chance, weil er, Pilatus, sich selbst eine zweite Chance geben muss, um nicht selbst das Gesicht vor der Menge zu verlieren.
Pilatus war ein persönlich machtbewusster, an seinen Kaiser-Gott in Rom gebundener pragmatischer Politiker, im Kern ein religiöser Skeptiker bis Agnostiker, der eigentlich keine Antwort auf die Frage erwartet: „Was ist Wahrheit?“. Er will Religion und Politik auseinander gehalten wissen. Religiöse Wahrheitsfragen werden nicht in der Politik entschieden! Das klingt sehr liberal-modern, ist es aber nicht. Denn sein Handlungsmotiv ist ein anderes. Er will letztlich im Spagat zwischen Kadavergehorsam gegenüber dem römischen Kaiser-Gott Tiberius und den im Lande herrschenden jüdischen Eliten, die er ruhig halten muss, weder dem einen noch den anderen unterliegen. Er kann keinen Aufruhr brauchen, sonst steht er in Rom schlecht da.
Pilatus´ Situation im Angesichte Jesu ist höchst vertrackt, sein Verhalten und seine Vorgehensweise werden nichts helfen: weder Jesus, dem Menschen, noch ihm, Pilatus selbst. Liebe Gemeinde, Pilatus, der Jesus erst freigeben wollte, hat in der „Sache Jesus“ unter dem Druck der Öffentlichkeit und der Eliten des besetzten Landes schließlich nachgeben müssen und aufgegeben. - Er musste sich „irgendwie arrangieren“ ... Ob er dadurch sein Gesicht gewahrt oder verloren hat und vor wem, man kann es nicht genau sagen. –
Seine Hände zumindest hat er in Unschuld gewaschen.

3. „Siehe der Mensch“, liebe Gemeinde, dieses Diktum ist ursprünglich gesprochen im Angesichte Jesu. Von Pilatus müssen aber sich nicht nur die Religionseliten und die Menge von damals sagen lassen „Siehe, der Mensch“. Dieses Wort gilt auch uns heute! „Siehe, der Mensch!“
Daraus kann man den Gedanken entwickeln, der sich in unserer christlichen Tradition vielfach wieder finden lässt: dass Jesus der exemplarische Mensch ist, der in unserem Glauben uns zum Christus wird: Er ist für uns der maßgebliche Mensch, das kirchlich-gemeinsame und zugleich persönlich-individuelle Grundmuster des menschlichen Lebens und Glaubens in alledem, was er, Jesus, gesagt und getan hat, mit dem, was er gelebt und vorgelebt hat, den Seinigen damals und uns heute, auch seinen Gegnern.
„Siehe, der Mensch!“ Was genau an seiner Person und seinem Leben jeden einzelnen von uns fasziniert und bewegt und glauben lässt an ihn und seinen Vater im Himmel, das wird bei jedem von uns unterschiedlich sein:
Berührt dich mehr der soziale Jesus, der Jesus, der heilt. Ist es der Jesus, der allen irdischen und religiösen Machtphantasien entsagt? Ist es der Jesus der Bergpredigt, der dich überzeugt, wenn er sagt: Die Gesetze und Gebote sind für den Menschen da, und nicht umgekehrt. Maßstab aller Gesetze und Verhaltensnormen ist das Gebot: Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst. Ja, Du sollst sogar deine Feinde lieben. Ist es der Jesus, der sagt: vergebt, wie euch vergeben ist – was wir im Gebet Jesu, dem Vaterunser so oft beten. Ist es der Mensch, der als Beweis für seinen Glauben leidet, den Glauben, den er unbeirrbar und konsequent gelebt hat, der besagt: Gott ist in den Schwachen mächtig?
Ob Pilatus um diese ganzen Inhalte der Botschaft Jesu im Einzelnen wusste, wir wissen es nicht. Wohl kaum. Aber für uns Heutige sind sie alle in seinem Wort enthalten: „Siehe, der Mensch“.

Ich komme zu einem abschließenden Gedanken für heute. „Siehe, der Mensch“ - am Kreuz!?
Gerade für uns Protestanten lutherischer Prägung ist christlicher Glaube zentral der Glaube an den Gekreuzigten. Der Glaube an ihn, und nicht die Verzweiflung am Gekreuzigten. Im Bild des Gekreuzigten kulminieren für uns alle Inhalte und Bedeutungsaspekte von Jesu Leben. Nach Johannes ist das Kreuz der Höhe- und Abschlusspunkt von Jesu Leben: Jesus wird ans Kreuz erhöht! Entsprechend ist das letzte Wort Jesu am Kreuz im Johannesevangelium: „Es ist vollbracht.“
Wenn wir an den Gekreuzigten glauben, dann beten wir nicht das harte Scheitern und die brutale Grausamkeit eines Exekutierten an, wie uns gerne vorgehalten wird – nach dem Motto: was ist denn das bitte für eine Religion, in deren Zentrum ein blutig Hingerichteter stünde. Wer so spricht, hat nichts kapiert. Das Kreuz ist nicht schauerlich-klägliches Ende, sondern Vollendung.
Wir sehen im Gekreuzigten das Bild für die menschliche Existenz schlechthin, und das ist jeden Tag weltweit erkennbar in den vielen. Wir sehen das Urbild und auch das Trostbild aller, für die Jesus gelebt, sich eingesetzt und gelitten hat, und das sind alle bis heute - und in der Konsequenz: für die er gestorben ist – auch bis heute, damit wir uns sein Leben und seinen Glauben, seine Lebenseinstellung bewusst machen. Und sein Gottesbild, das er selbst gelebt hat. Er, der in Wort und Tat Heilende, Vergebende, Barmherzige. Er, der neues Leben gegeben und ewiges Leben gewonnen hat für die vielen, die ihm glauben: Ecce homo. Siehe der Mensch – am Kreuz! Siehe in ihm den Menschen und siehe darin dich selbst – Du, Mensch!

© Galerie Habdank - Friedgard Habdank, Inhaberin Maxhöhe 34, D-82335 Berg am Starnberger See
100.624 606.869 6.589