HOMEPAGE - Galerie Walter Habdank, Berg/Lkr Starnberg

Homepage
Informationen

 

 Ausstellung



 



Schalom Ben-Chorin schrieb über Walter Habdank

... mehr


Gepräch am Brunnen
Joh. 4
Predigt von Pfarrer Johannes Habdank am 26. Februar 2012

 

„Ach bleib mit deinem Glanze bei uns, du wertes Licht, dein Wahrheit uns umschanze, damit wir irren nicht.“
So haben wir gesungen, liebe Gemeinde!
Der Lichtglanz spielt in dem Bild, das wir vor Augen haben, eine wichtige Rolle. Eine Frau und ein Mann sind zu sehen im Vordergrund, sie sitzen auf dem gemauerten Rand eines runden Ziehbrunnens. Hinter bzw. zwischen ihnen im Mittelgrund ein sog. Schwingbaum, mit dessen Hebelwirkung man die Zugkraft nach oben verstärken kann. Denn volle Wassereimer mit bloßer Hände Kraft heraufzuziehen ist sehr mühsam. Im Hintergrund sind dunkle Wolken zu sehen, die die helle Lichtquelle der Sonne zum großen Teil verdecken. Doch überstrahlt die Sonne die Wolken. Und das orange-warme Licht des Himmels strahlt ab auf die Gesichter und Körper der beiden.
Sie scheinen im Gespräch miteinander zu sein, oder doch nicht? Sie schauen einander nicht an, das ist aber wohl darstellungstechnisch bedingt so, beide sind im Halbprofil zu sehen, wie wenn auf einer Bühne zwei Akteure miteinander reden, da steht man auch im Halbprofil dem Publikum zugewandt da. Dadurch wird der Betrachter ins Bildgeschehen mit hineingezogen, sein Blick und seine Deutung ergänzen das Bild, das selbst ein Angebot des Künstlers zum Dialog mit den Figuren und der Szene ist. Der Mann im Bild scheint auf die Frau einzureden, sie verhält sich eher abwehrend - oder doch empfänglich für das, was er sagt?
So wie die Gesten der beiden aufeinander bezogen sind, könnte es sein, dass der Mann der Frau beim Wasserschöpfen aus der Tiefe des Brunnens seine Hilfe anbietet. Ob sie die annimmt? Oder stimmt das nicht? Die Szene hat etwas sehr Nahes, Intimes und doch noch Fremdes, sie vermittelt eine Verstehens-Intimität der beiden, die im Wachsen ist. Ich lese die dazugehörige Geschichte aus Johannes 4:

1 Als nun Jesus erfuhr, dass den Pharisäern zu Ohren gekommen war, dass er mehr zu Jüngern machte und taufte als Johannes 2 – obwohl Jesus nicht selber taufte, sondern seine Jünger –, 3 verließ er Judäa und ging wieder nach Galiläa. 4 Er musste aber durch Samarien reisen. 5 Da kam er in eine Stadt Samariens, die heißt Sychar, nahe bei dem Feld, das Jakob seinem Sohn Josef gab. 6 Es war aber dort Jakobs Brunnen. Weil nun Jesus müde war von der Reise, setzte er sich am Brunnen nieder; es war um die sechste Stunde.
7 Da kommt eine Frau aus Samarien, um Wasser zu schöpfen. Jesus spricht zu ihr: Gib mir zu trinken! (…)
9 Da spricht die samaritische Frau zu ihm: Wie, du bittest mich um etwas zu trinken, der du ein Jude bist und ich eine samaritische Frau? Denn die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern. –
10 Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, du bätest ihn und er gäbe dir lebendiges Wasser.
11 Spricht zu ihm die Frau: Herr, hast du doch nichts, womit du schöpfen könntest, und der Brunnen ist tief; woher hast du dann lebendiges Wasser? 12 Bist du mehr als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen gegeben hat? Und er hat daraus getrunken und seine Kinder und sein Vieh.
13 Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; 14 wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.
15 Spricht die Frau zu ihm: Herr, gib mir solches Wasser, damit mich nicht dürstet und ich nicht herkommen muss, um zu schöpfen!
16 Jesus spricht zu ihr: Geh hin, ruf deinen Mann und komm wieder her!
17 Die Frau antwortete und sprach zu ihm: Ich habe keinen Mann. Jesus spricht zu ihr: Du hast recht geantwortet: Ich habe keinen Mann. 18 Fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann; das hast du recht gesagt.
19 Die Frau spricht zu ihm: Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist.
20 Unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet, und ihr sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten soll.
21 Jesus spricht zu ihr: Glaube mir, Frau, es kommt die Zeit, dass ihr weder auf diesem Berge noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. 22 Ihr wisst nicht, was ihr anbetet; wir wissen aber, was wir anbeten; denn das Heil kommt von den Juden. 23 Aber es kommt die Zeit und ist schon jetzt, in der die wahren Anbeter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn auch der Vater will solche Anbeter haben. 24 Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.
25 Spricht die Frau zu ihm: Ich weiß, dass der Messias kommt, der da Christus heißt. Wenn dieser kommt, wird er uns alles verkündigen.
26 Jesus spricht zu ihr: Ich bin's, der mit dir redet.
27 Unterdessen kamen seine Jünger, und sie wunderten sich, dass er mit einer Frau redete; doch sagte niemand: Was fragst du?, oder: Was redest du mit ihr?
28 Da ließ die Frau ihren Krug stehen und ging in die Stadt und spricht zu den Leuten: 29 Kommt, seht einen Menschen, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe, ob er nicht der Christus sei! 30 Da gingen sie aus der Stadt heraus und kamen zu ihm. (…) 39 Es glaubten aber an ihn viele der Samariter aus dieser Stadt um der Rede der Frau willen, die bezeugte: Er hat mir alles gesagt, was ich getan habe. 40 Als nun die Samariter zu ihm kamen, baten sie ihn, bei ihnen zu bleiben; und er blieb zwei Tage da. 41 Und noch viel mehr glaubten um seines Wortes willen 42 und sprachen zu der Frau: Von nun an glauben wir nicht mehr um deiner Rede willen; denn wir haben selber gehört und erkannt: Dieser ist wahrlich der Welt Heiland.

Das Ölgemälde „Gespräch am Brunnen“ von Walter Habdank aus dem Jahre 1995 zeigt vieles nicht, was in dieser Bibelgeschichte erzählt wird. Es konzentriert sich ausschließlich auf Jesus und die Samariterin, das Gespräch am Brunnen. Das ganze Darumherum, Vorher und Nachher spielt keine Rolle.
Und das Gemälde bietet auch keine historisch korrekte Darstellung der Szene: Einen solchen Eimer gab es damals noch nicht, sondern Ledersäcke waren es. Ziehbrunnen dieser Art gab es damals auch noch nicht. Der Jakobsbrunnen war ein ca. 20 Meter tiefes Erdloch, dessen Rand am Boden höchsten mit Steinen verstärkt war, die eingekerbt waren durch die Seile beim Heraufziehen. Der Brunnen im Bild ist ein Brunnen aus späterer Zeit. Es ist ein Brunnen, den heute jeder, der ihn sieht, als alten und als solchen erkennen kann. Ein Erdloch würde heute keiner recht als Brunnen verstehen! Außerdem hätte man dann womöglich die beiden Personen im Schneidersitz malen müssen, das erfordert eine ganz andere Bildkomposition. So sitzen die beiden auf der Mauer des Brunnenrandes. Auch den Schwingbaum, wie er hier dargestellt ist, gab es zu Jesu Zeiten noch nicht. Wie ich den Künstler kenne, hat er den Schwingbaum deswegen so zentral hinter und über die beiden Figuren gestellt, weil er Kreuzform hat. Und dann ist er auch noch in dunkel-rot-braun gehalten - oder sogar mit dem vom Künstler so geschätzten Dunkelgrau-Dunkelrot – „caput mortuum“ (Haupt der Toten) gemalt.
Das alles hat also eine symbolische Aussageintention!
Und so ist es auch mit dem Himmel, den finsteren Wolken und der dennoch überstrahlenden Sonne – sie deuten auf Karfreitag und Ostern hin: als sich über der Kreuzigungsszene ab der 6. Stunde der Himmel verfinstert – das Gespräch am Brunnen findet auch zur 6. Stunde statt, wie es heißt – und am Ende dennoch das Licht der Ostersonne alles überstahlen wird.

Wenn ich vorhin gemeint habe, von der Gestik der beiden Figuren im Bild her könnte es sein, dass der Mann der Frau beim Wasserschöpfen helfen will – dann ist von der biblischen Geschichte her das gerade Gegenteil der Fall. So etwas hätte kein jüdischer Mann, auch nicht Jesus gemacht. Obwohl er ja doch schon etwas sehr Außergewöhnliches tut, indem er sich als jüdischer Mann mit einer samaritischen Frau ins Gespräch begibt. Das war mehr als grenzwertig, wurden die Samariter doch wegen abweichenden Religionskultes auf dem Berg Garizim und anderen Orten von den Juden, die sich an der Jerusalemer Tradition orientierten, sehr gering geschätzt. Jesus überschreitet wie so oft die Grenzen seiner eigenen Tradition und Religion. -

Das Gespräch am Brunnen hat eine besondere Dynamik, liebe Gemeinde! Zunächst reagiert die Frau, deren Namen wir nicht erfahren, auf Jesu Wunsch nach Wasser, indem Sie ihn als Juden wahrnimmt, der sich herablässt, mit einer samaritischen Frau zu reden. „Gib mir Wasser“ – eine Anspielung auf das Wort Jesu am Kreuz in Johannes 19: „Mich dürstet“? Also für sie ist Jesus erstmal der Jude, der sich ihr, der offiziell unter-werten Samariterin, überraschend grenzüberwindend zuwendet.
Als zweites sieht sie in Jesus einen, der mehr zu sein und zu können beansprucht als der Gründer des Brunnens und Ur-Ahnvater Jakob. Sieht ahnt mehr, als dass sie ihn versteht.
Als drittes versteht, besser gesagt: missversteht sie Jesus als einen, der ihr Wasser im materialen Sinne geben kann, das in ihr zur dauerhaften Quelle wird und ihr so Arbeitserleichterung für immer beschert.
Mehr kann man eigentlich nicht aneinander vorbei reden!
Denn seit seiner das Gespräch eröffnenden Bitte: „Gib mir Wasser!“, hat Jesus nur noch im übertragenen, symbolischen Sinn gesprochen von Wasser, lebendigem Wasser und der Quelle des Wassers: Unter „Wasser“ versteht er die lebendige und ewige Verbundenheit des Menschen mit Gott, die Jesus nach seinem eigenen Selbstverständnis selbst exklusiv und exemplarisch verkörpert und anderen davon teil geben will.

Und das Ganze verkündet Jesus nicht irgendwo, sondern am Jakobsbrunnen: einem Brunnen, der nicht nur vom Grundwasser gespeist wird, wie die meisten Brunnen der damaligen Zeit, sondern unter dem tatsächlich eine lebendige Quelle entspringt oder fließt. An diesem traditionsreichen Ort präsentiert Jesus sich selbst als die wahre Quelle!
Das mit der lebendigen Quelle unter dem Brunnen weiß und versteht die Frau natürlich auch, nur eben leider etwas anders, als es Jesus – auf sich selbst und seinen Gottvater bezogen – meint. Sie versteht von ihm eigentlich gar nichts. Wie auch:
Wer rechnet schon damit, dass er beim alltäglichen Wasserholen von einem fremden Mann überraschend angesprochen wird, von ihm in ein Gespräch am Brunnen über das Wasser hineingezogen wird – und dann geht es eigentlich gar nicht mehr ums Wasser, das man tatsächlich trinken kann oder zum Waschen verwenden kann, sondern um Sinn-des-Lebens- und Glaubensfragen, ja schließlich um das Wesen und die Art des wahren Gebets: Das ist schon ein bisschen viel auf einmal, einfach zu viel verlangt!
Oder anders gesagt und stellen Sie sich vor: Da sitzt man am Brunnen, nichts ahnend, und das Gegenüber stellt sich selbst als „Brunnquell aller Gnad und ewige Quelle“ heraus, wie es ein bekanntes Kirchenlied sagt. Kaum zu „raffen“, nicht zu verstehen, zumindest nicht für diese Frau in dieser Geschichte.
Erst als Jesus die Frau auf ihren Mann, ihre Männer anspricht, hat er sie wirklich gepackt, ist sie von ihm gepackt, ist sie völlig überwältigt davon, dass dieser fremde Mann davon weiß. Sie nennt ihn nun einen Propheten und später sogar den Messias, den möglichen.
Woher Jesus das mit den fünf Männern über die Frau wusste? Wir wissen es nicht. Die Frau auch nicht.
Sie muss übrigens deswegen nicht unbedingt eine Hure gewesen sein (da wäre die Zahl 5 wohl etwas zu niedrig angesetzt …); es ist – ganz im Gegenteil, wie von den meisten neutestamentlichen Forschern vermutet wird – auch sehr gut denkbar, dass diese Frau mehrfach verwitwet bzw. mit Scheidungsbrief aus verschiedenen Ehen nacheinander entlassen worden war.
Dass sie allerdings in der Mittagshitze da ist, wo kein normaler Mensch zum Brunnen geht, könnte dann doch ein wichtiges Indiz dafür sein – denn nur, wer sich so schämen muss oder ausgegrenzt ist, dass er sich gar nicht mehr blicken lassen kann, geht mittags an den Brunnen, der ja auch ein beliebter Kommunikations- und Treffpunkt ist, vor allem abends, in der Mittagshitze nicht.
Die wesentlichen alttestamentlichen Brunnenszenen, z.B. mit Rebekka, spielen in den Abendstunden, wenn es kühler geworden ist.

Das Interessante ist, dass die Frau im Grunde nicht durch kluge und hehre Worte, ihr zu hohe, metaphorische und symbolische Reden über das Wasser von Jesus „erwischt“ und „gepackt“ wurde, sondern durch eine überwältigende Erfahrung mit ihm, weil er eine nachgerade überirdische Kenntnis von ihr hatte. - Das entspricht auch der Tendenz des Johannesevangeliums, Jesus als göttlichen Wundermann darzustellen. -
Es war ihr eine unerwartete Entlarvung von fremder Seite, von höherer Warte aus - die sie aber nicht gelähmt hat, sondern ein Widerfahrnis war, das sie – im Gegenteil – loslaufen ließ, um die anderen aus ihrem Dorf zu holen!
Also: so desintegriert kann sie ja dann auch doch wieder nicht gewesen sein, denn: viele sind mit ihr zu Jesus gezogen und glaubten an ihn.
So wurde Jesus selbst in Samarien der erste Missionar seiner Sache.

Noch einmal zurück zum Bild:
Das Bild bezieht sich meinem Verständnis nach auf genau diese im Evangelium so meisterhaft erzählte Entlarvungssituation, den Moment, der die Frau von Jesus so beeindruckt und überwältigt sein lässt.
So sehr die vergeistigte Mimik und Gestik der Frau im Bild auch reserviert, abwehrend wirken kann – so sehr spricht ihr Blick, ihr Gesicht vor allem von nachdenklicher Einsicht in ihr persönliches Schicksal, das sie erlebt hat. Nun ist ihr einer beigekommen, der größer ist als sie und all die andern, die sie kennt. Der „über ihr steht“, wie es im Bild auch zu sehen ist, weil er ihr nahe gekommen ist und sie verstanden hat.
Und da ist Jesus zu sehen mit diesem unsäglich gütigen, noch mehr vergeistigten Blick, der in diese Frau hineingeht, aber auch über sie und ihr Leben hinausgeht. Auch über sein eigenes Richtung Kreuz und Ostersonne, im Geiste.
Und da sind, ganz wesentlich für das Bildverständnis, schließlich die Hände als wesentliche menschliche Ausdrucksträger, die in diesem Bild deutlich mehr in Beziehung zueinander stehen als die Gesichter und ihre Augen:
Ihre linke Hand, die den Eimer hält, und seine rechte, auf dem Brunnenrand, fast gleichförmig.
Und dann: die beiden anderen Hände, seine bittende, zugleich gebende, ja vergebende Hand, und ihre, die von Abwehr und „ich weiß nicht“ sich hinüber bewegen könnte zu seiner bittenden. Sie könnte, ihm sich zuwendend, ihre Hand in die seine legen, um mit ihm mit zu gehen, ihm nachzufolgen - Richtung Kreuz und Ostersonne?

Dass auch wir in unseren Dialogen, auch Wahrnehmung von Mimik und Gestik heute dem auf die Spur kommen, was oder wer unsere Quelle ist, die uns wahrhaft lebendig erhält, die Quelle, die unsere Suche, unsere Sehnsucht nach Lebenssinn dauerhaft stillt, uns eine innere Richtung auf Kreuz und Ostersonne finden lässt in unserem Leben - das ist der Wunsch an Sie und euch alle, den ich mit diesem Bild und dieser Geschichte verbunden sehen will.

Wir werden jetzt das Bild noch etwas weiter auf uns wirken lassen bei Orgelspiel und jeder wird es noch weiter so ergänzen, wie es ihm entspricht.

 

© Galerie Habdank - Friedgard Habdank, Inhaberin Maxhöhe 34, D-82335 Berg am Starnberger See
100.619 606.838 5.902