HOMEPAGE - Galerie Walter Habdank, Berg/Lkr Starnberg

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Schalom Ben-Chorin schrieb über Walter Habdank

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In Erwartung

Bildbetrachtung vom Walter Habdank

(Diese Bildbetrachtung war Teil des Universitätsgottesdienstes am 13. Juli 1975 in München-St. Markus) 

 

Mein Zuhörer, die Nacht über der Stadt ist gerade vergangen auf diesem Bild. Es ist hell geworden, es ist hell und grell geworden.
Die Menschen, die getanzt haben in dieser Nacht in der Stadt, tanzen nicht mehr, die verzweifelt Suchenden haben das Nachtasyl wieder verlassen, die Liebenden haben sich wohl getrennt. Die Menschen, die gestorben sind in Ängsten in dieser Nacht, haben ausgelitten; aber die Gefangenen sitzen weiter hinter den Gitterstäben; vielleicht haben die Weinenden noch nicht aufgehört zu weinen, aber die Müden müssen zur Arbeit gehen. Der Himmel über der Stadt ist leer, links sieht man eine dunkle Mondsichel, vorläufig ist es die einzige Himmelserscheinung über der Stadt, in der die Menschen leben, wie es ihnen gefällt oder nicht gefällt.


Mein Zuhörer, die Menschen hier auf dem Bild haben offenbar eine schlimme Nacht überlebt. Sie sind aber noch hinaufgestiegen in ein hohes Gerüst, sie stehen, sie hängen in einem Gestell hoch über den Dächern, eng zusammengepfercht, der Wind bläst ihnen ins Gesicht; über ihnen weht eine dürftige Fahne. Einige haben auf dem Kopf Mützen oder Kappen. Die Kleider, die sie tragen, sind nicht sehr elegant. In ihren Gesichtern mit den großen Augen sind noch die Spuren des unheilvollen Dunkels zu erkennen, das sie überlebt haben, ihr Zustand ist angeschlagen. Sie sind wohl nur gerade noch einmal davongekommen. Mühsam halten sie sich jetzt mit den Händen, ihren schweren Händen, an dem Gestänge fest, um nicht auch noch herunterzufallen, und einer hält den Arm der sitzenden Frau. Sogar ein Hund, ein Hundetier, hat sich nach oben mitnehmen lassen. Einer der Männer deutet mit der Hand hinaus aus der Szene, und rechts, der ältere Geistesmensch, wohl ein Universitätslehrer mit sehr großen Händen, schaut gar durch ein Glas in die Ferne. Der Blick aller, die auf dem Bild dargestellt sind, geht in diese eine Richtung. In der Bewegung dieser Menschen ist eine Haltung der Erwartung zu sehen. Und so erwartet die junge Frau diesmal nicht einen Liebhaber, und die Männer müssen diesmal nicht wieder etwas anpacken, und der Geistesmensch mit dem Fernglas denkt diesmal nicht nur in sich hinein, sondern: Sie blicken alle hinaus, gemeinsam hinaus. Mein Zuhörer, das ist etwas Besonderes in der Situation dieser Ausschau.
Wenn wir mit unseren scharf sehenden Augen das Bild zerlegen, stellen wir fest, dass die Gegenstände und Formen
in ein hartes optisches Gegeneinander geteilt sind: zerteilt in die Nacht des Schwarz und das Licht des Weiss. Eine Zerschlagung der Naturform hat stattgefunden, und aus den Trümmern werden die Bausteine für eine neue, eigene Form gewonnen, die durch das ganze Bild teppichartig gewirkt ist. Die Technik des Holzschnitts erfordert eine klare, eine vereinfachte, eindeutige Formensprache, die zu einer Steigerung und Vertiefung, einer Verstärkung des Ausdrucks im Bild führen soll. Natürlich braucht das Bild, um Sinnvermittler sein zu können, die Aufgeschlossenheit und Geduld des Betrachters. Er muss sich die Mühe machen, in der grafischen Bildlandschaft herumzuwandern, um sie sich zu erwandern. So werden Bildrhythmus und Komposition erkannt, Zusammenhänge werden gefunden, eine Zusammensicht wird möglich, eine Zusammenschau, eine Durchschau. Das Bild wird durchschaut.

 

Mein Zuhörer, der Holzschnitt vor uns hat den Titel
"In Erwartung". Was erwarten die Menschen in dieser gewichtigen, entscheidungsvollen Szene? Hat die Angst aus der Tiefe ihres Herzens, Angst vor dem Ertrinken in der babylonischen Stadt der Verwirrung sie in eine solche schwankende Situation getrieben? Ja, selbst aus dieser seltsamen, sich auflösenden Verpackung ihres mühevoll erreichten Gestells drängen sie noch hinaus aus Ohnmacht und Verzweiflung.


Mein Zuhörer, ich glaube, wir müssen zuerst noch fragen, wer denn die Dargestellten sind. Und da müssen wir endlich aussprechen: Wir selbst sind diese babylonischen Zeitgenossen, wir, du, mein Zuhörer, du und ich. Natürlich sehen wir hier nicht besonders gut aus, keine sportlichen Erscheinungen sind wir, unvollkommen, brüchig, aus dem Lot geraten, gewissermaßen ausgesetzt, zusammengezwängt, bedroht von der Unsicherheit und vom Absturz, und befallen von Gedanken an eine dunkle Todesstunde. So stehen wir da, veränderungsbedürftig in einer unbequemen, einer beunruhigenden Lage, in einer unheilvollen Welt.


Das ist die eine Seite. Aber, mein Zuhörer, es wird noch etwas ganz anderes deutlich: es wird deutlich eine Ähnlichkeit unserer Figuren im Bild mit großen Hoffenden,
die wir kennen: Wir denken an den Noah, wir denken mit dem Noah, der aus der Arche hinausblickt, um die Rückkehr des Raben und dann der Taube mit dem Ölblatt zu erwarten; wir stützen den Mose, der mit erhobenen Händen fleht, wir hören mit und sind betroffen, wie Jona embryohaft unvollendet aus dem Fischleib herausschreit und hofft,
wir steigen selbst mit dem Zöllner Zachäus in das Gezweig des Baumes, um das Heil zu sehen, und wir fühlen mit
der uns lieb gewordenen Sünderin, die sich demütig ergeben dem Herrn zuwendet und ihm mit ihren Haaren die Füße trocknet.
Wir sehen, mein Zuhörer: Hoffende, sich sehnende Menschen, Erwartende, die ihren Zustand begriffen haben.
Und ihre Erwartung geht in eine ganz bestimmte Richtung. Sie warten nicht auf Herrn Godot von Samuel Beckett, denn der wird heute, wie wir wissen, ganz bestimmt nicht kommen. Sie erhoffen sich auch nichts, aber auch wirklich nichts vom atheistischen Wetterleuchten, dem bedrohlich blitzenden, sondern sie warten auf Hilfe, wo sie sich selbst nicht mehr helfen können, sie erwarten ihr Heil.

 

Mein Zuhörer, wir finden im Bild eine Mehrbödigkeit und Vieldeutigkeit in der Situation, bei den Figuren, bei den Gegenständen. So kann zum Beispiel das Hundetier als armselige, hoffende Kreatur betrachtet werden oder als diabolischer Schnüffler. Mehrdeutigkeit und Vielschichtigkeit verlangen vom Sehenden, dass er aufgeschlossen seine eigene Erfahrung, das, was er in seinem eigenen Leben kennengelernt hat, ins Bild hineinsieht. Und so kann das Bild zum Leben erweckt werden. Du, mein Bildbetrachter, du machst die Situation zu deiner eigenen, du gibst ihr den Sinn, du machst sie lebendig. Deine Gläubigkeit überträgst du auf die Dargestellten. Du machst die bekappten Narren zu Narren in Christus, du lässt den Weisen mit dem Fernglas, der wegen seiner unguten Situation Ausschau hält, mit dem Psalm sagen: »Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten. Durch dich, mein Bildbetrachter, wird diese Gesellschaft auf dem Bild in eine wohl merkwürdige, vielgestaltige, zwar nicht besonders klassische, aber doch in eine Pfingstgemeinde verwandelt, die so den Geist erwartet, voller Hoffnung.


Mein Zuhörer, eine fertige Lösung können wir von einem Bild nicht erwarten. Das Bild kann nur ein Anstoß sein. Unsere Hoffnung wird hier angesprochen - und, wenn die Armseligkeit der Dargestellten so stimmt, dann ist es nicht Miserabilismus, der sich aufdrängt, sondern ein Notschrei aus der Tiefe, ein MISERERE, ein HERR, ERBARME DICH.
Herr, erbarme dich: unsere Bitte um Tröstung.

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