HOMEPAGE - Galerie Walter Habdank, Berg/Lkr Starnberg

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Schalom Ben-Chorin schrieb über Walter Habdank

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Mein Bildbetrachter und mein Zuhörer,

 


MORGEN DES GEFANGENEN.

Wir sehen: Das ist der geschundene Mensch. Die Finsternis des Kerkers hat ihn gezeichnet. Zwang, Entbehrungen und Schläge haben ihn niedergedrückt. Seine Schmerzen, Pein und Angst sind ihm ins Gesicht geschrieben. In schwere Schuld verstrickt, ausgestoßen, verachtet und gefangen verschlingt ihn das Dunkel. -
Oder ist er unschuldig dem Verderben ausgeliefert, verdammt zum Untergang? Wie oft hat er gewacht in seiner Nacht mit unruhigem Herzen, er und die andern vielen Gefangenen, in welchem Meer der Tränen, in welchem Schlamm sind sie versunken, zermartert von Krankheit, ermattet, todfürchtend, gemartert und gemordet, ohne Trost in Leiden und Betrübnis.

Das Blatt ist entstanden im Andenken, im Gedenken der ungezählten Gefangenen in aller Welt, der Unschuldigen und der Schuldigen, der Gefolterten, der Hingemordeten. Und es ist denen gewidmet, die sich um die Nacht der Eingekerkerten besorgen oder als Begleiter zum Tod ihnen Tröstung gebracht haben.

"Nachtasyl, Szenen aus der Tiefe" heißt das Bühnenstück aus dem Jahre 1903 von Maxim Gorki, der sich selbst Gorki, der Bittere nannte, in dem er den Zustand menschlicher Erniedrigung und Abgründigkeit ergreifend darstellt.

 

Dort wird gelitten, getötet und gestorben: und gelebt. Es friert den Zuhörer, wenn Bubnow, der Mützenmacher und der Lastträger Schiefkopf singen:

 

"Wohl steigt die Sonne auf und nieder,
Doch dringt sie nicht zu mir herein.
Es spähen Tag und Nacht die Wachen
Nach meines Kerkers Fensterlein.
Späht nur, soviel ihr wollt - wie mächtig
Mich's in die Freiheit auch mag ziehn.
Ich kann die Ketten nicht zersprengen,
Kann diesen Mauern nicht entfliehn.
Ach, diese schweren Eisenketten
Und diese Wachen, erzbewehrt;
Ich kann sie nimmermehr durchbrechen." 

 

Ich kann sie nimmermehr durchbrechen, ja, das ist der Zustand unserer menschlichen Gefangenschaft. Die Ausweglosigkeit der Situation wird deutlich.

Aber hinter der erbärmlichen Gestalt des Gefangenen, hinter seiner Erbärmlichkeit erkennen wir das kleine Fenster und den leuchtenden Himmel mit den Gestirnen.
Und damit erhält das Bild eine neue Dimension. Es ist sichtbar, daß das Licht eben doch in den Kerker eindringt, denn der Widerschein zeigt sich auf dem Gesicht und den Händen des Gefangenen. Ja, er steht, er lebt an einer Nahtstelle, an der Grenze von Dunkel und Licht, von Nacht und Morgen. Und es wird ihm bewußt, daß der Morgen heraufkommt. »Wächter, ist die Nacht bald hin? Wächter ist die Nacht bald hin?" Wie oft hat er das geschrien und den Tag herbeigesehnt. Und er hofft auf Befreiung aus seiner Gefangenheit, aus der Gefangenschaft. Er ist voller Erwartung.

Mein Bildbetrachter und mein Zuhörer, kennen wir nicht die Situation dieses Menschen in der Nacht? Geht es uns nicht ganz genauso, wenn wir wach liegen in der Dunkelheit und wir schreien möchten, weil uns Schmerzen quälen; wenn die Unruhe uns zerfrißt, weil Schuld uns peinigt und uns niederdrückt; wenn die Traurigkeit des Herzens uns lähmt, wenn düstere Todesfurcht uns gefangen hält; wenn das Gefühl der Verlorenheit uns in ungenügender Selbstsucht aufzehrt: Geht es uns nicht so wie dem Gefangenen, daß wir den Morgen herbeisehnen, daß wir warten und hoffen auf etwas oder jemanden, der die Nacht vertreibt, unsere Nacht vertreibt und das schwarze Gefängnis der versteinerten Seele aufbricht. Es wird immer deutlicher, daß wir selbst der Gefangene auf dem Bild sind, jeder von uns ist es.

Im Bild erkennt er mit großen, weit aufgerissenen Augen, daß für ihn der Morgen der Befreiung anbricht. Durch seine Augen ist das Licht in ihn gedrungen, es füllt ihn ganz aus, es erfüllt ihn.

In einer inneren Schau erhellen sich ihm die dunklen Mauern seines Kerkers, und seine Augen strahlen selbst das Licht wieder aus. Auch die Hände sind geöffnet, sie wollen den Morgenhimmel, die Gestirne gleichsam hereinholen, hereinerflehen in die Enge und sie sprengen.

Wir sind der Gefangene. Und unser Morgen soll anbrechen. In unsere Finsternis soll das Licht hineinscheinen, und wir sollen es ergreifen. Unser Gefängnis soll aufgeschlossen werden. Unsere Hoffnung ist die Hoffnung des Gefangenen, unsere Erwartung ist seine.

Mein Bildbetrachter und mein Zuhörer, ich glaube, wir kommen jetzt an den Punkt, an dem wir nicht mehr mit Vergleichen und Sinnbildern auskommen. Der Betrachter, Du und ich, wir müssen das Bild ergänzen, ja erst eigentlich zu Ende führen. Und da müssen wir fragen: Wer befreit uns denn aus der Gefangenschaft? Der Hilferuf des Jona "Ich schrie aus dem Rachen des Todes, und du hörtest meine Stimme" ist unser Schrei aus der Tiefe. Und er erhält Antwort. Und der eingekerkerte Täufer stellt auch für uns die Frage: "Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten„ Und dann kommt die Frage des Jesus: Für wen haltet ihr mich? Und wir können doch nur mit dem Bekenntnis des Petrus antworten: "Du bis der Christus des lebendigen Gottes."

Und jetzt kann der Gefangene mit seinen Händen wie der Sinkende die ausgestreckten Arme seines Retters umfassen. Und als selbst Ergriffener kann der den Mitgefangenen zurufen: Wir werden herausgeholt, wir werden bewahrt vor dem Untergang.

Und mit den Augen seiner Seele schaut er die Ankunft des Heilsbringers. Nur: das Geheimnis seiner Rettung kann er nicht fassen, nicht begreifen, es ist ihm unbegreiflich, es bleibt uns unbegreiflich.
Aber: in ihm lebt das Bild seines Befreiers, seines Erlösers aus der Gefangenschaft des Todes. Und er kann gar nicht anders, als den Mitgefangenen seine Befreiung vor Augen zu führen, damit sie sehen. Er will zeigen, was geschehen ist, so, wie der Täufer vom Isenheimer Altar hindeutet, hinzeigt auf den Gekreuzigten. Der große Maler dieses Altars sagt: "Geht mir nit drum, ob mein Leib verdorrt wie Gras - aber um dein Bild in mir geht's mir."
Was können wir uns mehr wünschen, als das gläubige Aufschauen des Schächers zu seinem Erlöser in der Todesstunde: "Herr, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst." Und er erfährt den herrlichen Trost: »Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.- So könnten auch wir in der tiefsten Todesnacht den Morgenglanz der Ewigkeit erwarten.

Unsere Lebensbahn bewegt sich ganz an der Grenze von Nacht und Tag. Jeder Tag kann von neuem eine Auferweckung, eine Auferstehung für jeden von uns sein, jeder Tag kann von neuem unsere Befreiung aus der Gefangenschaft bringen, auch wenn wir oder gerade weil wir von der Dunkelheit eingeholt werden. Bitten wir, daß wir auch in der Nacht sorglich bewacht werden, bitten wir mit einem Gebet, das Augustinus zugeschrieben wird:

 

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